Haiti – Und was ist mit den Babys? PDF Drucken E-Mail

von: Christiane Stange, Stillberaterin LLL

Erst im vergangenen Jahr war es Thema der Weltstillwoche. „Stillen ist lebenswichtig! – Bist du dabei?“ So lautete das Motto. Das Bewusstsein sollte geschärft werden für die lebenswichtige Bedeutung des Stillens in Krisen- und Katastrophensituationen.

In vielen Veranstaltungen weltweit wurden Laien, Fachleute, Katastrophenhelfer und die Medien darüber informiert, dass die einzig sichere Methode ein Baby zu ernähren die ist, es zu stillen oder wenigstens mit Muttermilch zu versorgen. Der Stillförderung auch in Nicht-Krisenzeiten wurde eine besondere Bedeutung zugemessen. Gleichzeitig wurde eindringlich davor gewarnt, Muttermilchersatzprodukte wahllos und in großen Mengen in Krisengebiete zu versenden und an Mütter zu verteilen, da dies in den meisten Fällen mehr schadet, als hilft. (WABA 2009)

Und dann kam das Erdbeben in Haiti vom 12. Januar 2010. Die Katastrophe ist da. Und es wird deutlich, dass die Arbeit der Organisationen, die im Rahmen der Weltstillwoche Aufklärung betrieben haben, noch lange nicht beendet ist.

UNICEF, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und World Food Programme (WFP) haben im Zusammenhang mit der Katstrophe in Haiti ein Papier veröffentlicht – wie schon bei anderen Katstrophen zuvor. Es ist ein Aufruf für die Unterstützung der geeigneten Ernährung von Babys und Kleinkindern in Haiti. Gleichzeitig warnen sie vor „unnötigen und potentiell gefährlichen Spenden und Gebrauch von Muttermilchersatzprodukten“. (UNICEF, WHO, WFP 2010)

Ein Baby, das gestillt wird, erhält mit der Muttermilch Nahrung, die hygienisch einwandfrei und sofort fütterungsbereit ist. Die Muttermilch enthält immunsteigernde Inhaltsstoffe und hat eine vorbeugende und heilende Wirkung bei Darmerkrankungen. Zudem ist sie an das Alter und die Situation des Babys angepasst, optimal verträglich und quasi unbegrenzt verfügbar.

Muttermilchersatzprodukte bergen hingegen eine Vielzahl von Risiken. Zunächst erhalten Babys, die mit künstlicher Nahrung gefüttert werden, keine oder weniger Muttermilch – ihnen fehlen also die gesundheitsfördernden Aspekte der Muttermilchernährung.

Die Zusammensetzung der künstlichen Nahrung ist festgeschrieben und nicht an die Bedürfnisse des Babys angepasst, Unverträglichkeiten sind wahrscheinlicher. Hinzu kommt, dass der künstlichen Nahrung die immununterstützenden Inhaltsstoffe fehlen während gleichzeitig einige ihrer Bestandteile das Immunsystem des Darmes zusätzlich schwächen und die Babys anfälliger machen - insbesondere für Durchfallerkrankungen. (Gribble 2007)

Diese Risiken bestehen schon im Normalfall. Im Katstrophenfall kommt hinzu, dass sauberes Wasser, Energie und auch die künstliche Nahrung selbst oft Mangelware sind, so dass die Nahrung nicht unter den erforderlichen hygienischen Bedingungen gelagert, zubereitet und verfüttert werden kann. Die Nahrung selbst wird zum Gesundheitsrisiko.

Da Muttermilchersatzprodukte ein so großes Gefahrenpotential bergen, muss deren Einsatz in Krisengebieten sorgfältig abgewogen werden.

Die IFE Core Group der Weltgesundheitsorganisation gibt in einer umfassenden Anleitung für Katastrophenhelfer (IFE Core Group 2007) die Rahmenbedingungen vor, auf Grund deren Umsetzung Babys und Kleinkinder in Krisensituationen angemessen ernährt werden können.

Dieses Werk richtet sich sowohl an die Helfer vor Ort als auch an die Einsatzleiter der übergeordneten Strukturen und Organisationen. Dementsprechend beinhaltet es neben den konkreten Handlungsanweisungen für den Einsatz vor Ort auch Hinweise für die Ausbildung der Helfer sowie Planung und Durchführung der Hilfseinsätze.

Katastrophenhelfer erhalten damit eine detaillierte Anleitung, welche Unterstützung die betroffenen Familien bzw. Babys und Kinder benötigen. Dabei steht im Vordergrund, dass Stillende und Schwangere gut versorgt und sie und ihre Kinder, falls nötig, mit Zusatzrationen bedacht werden. Um den Grundsatz „Ernähre die Mutter und lasse sie ihr Baby ernähren“ umzusetzen, ist es weiterhin notwendig, Stillunterstützung standardmäßig in die Hilfe für Familien mit Kindern zu integrieren.

Geschulte Helfer unterstützen bei der Fortführung, der Intensivierung und der Wiederaufnahme des Stillens (Relaktation). Sie leiten Mütter oder Versorgungspersonen in Maßnahmen wie Ammenstillen oder der Fütterung von Muttermilch oder gespendeter Frauenmilch an. Damit diese Hilfe auch ankommt, werden Babys, Kleinkinder, Stillende und Schwangere in den letzten Schwangerschaftswochen als besondere Personengruppen registriert. Besonders die Einrichtung so genannter „Mutter-Baby-Zelte“ hat sich als sinnvoll erwiesen, da auf diese Weise die Ressourcen gebündelt werden und die Mütter zusätzlich von gegenseitiger Unterstützung profitieren können. (WHO 2004)

Für den Fall, dass die Ernährung mit Muttermilch weder durch das direkte Stillen, Ammenstillen noch die Verfütterung gespendeter Frauenmilch möglich ist, unterliegt der Einsatz von Muttermilchersatzprodukten strengen, international anerkannten Regeln.

Da das bloße Vorhandensein von Muttermilchersatzprodukten in Krisengebieten das Stillen während und auf Jahre hinaus nach der Krise gefährdet und damit Babys in akute Lebensgefahr bringt, sind die Anweisungen für die Bereitstellung und den Einsatz von Muttermilchersatzprodukten und Fütterungsutensilien wie Flaschen oder Sauger radikal: Die Aufklärung über die erheblichen Risiken dieser Produkte soll im Idealfall bewirken, dass potentielle Spender von solchen Spenden absehen (und stattdessen in anderer Form Hilfe leisten). Dennoch gespendete Nahrung, Flaschen und Sauger werden an zentraler Stelle gesammelt, um dann entweder unter sicheren Bedingungen zum Einsatz gebracht oder vernichtet zu werden.

Entscheiden die geschulten Helfer vor Ort, dass der Einsatz von Muttermilchersatzprodukten notwendig und sinnvoll ist, so wird jeweils für den Einzelfall die geeignete Nahrung ausgewählt, erworben und bereitgestellt. Die ausgebildeten Helfer schulen die Mütter und andere Versorgungspersonen im korrekten Gebrauch der Nahrung, notwendigen hygienischen Maßnahmen und der Technik der Becherfütterung, da Flaschen und insbesondere Sauger in der Regel nicht ausreichend gereinigt werden können. Die korrekte Umsetzung dieser Instruktionen ist außerdem zu überwachen.

Muttermilchersatzprodukte oder andere Milchprodukte dürfen demzufolge niemals in allgemeinen Hilfspaketen enthalten sein sondern immer nur nach strenger Indikation und mit der entsprechenden Anleitung und Überwachung ausgegeben werden.

Zur Standardausstattung der Hilfeleistung für eine Familie mit Babys und Kleinkindern gehört also auch Stillberatung als praktische Hilfe, die es ermöglicht, dass Babys und Kleinkinder gemäß den Empfehlungen der WHO gestillt bzw. durch Muttermilch ernährt werden können. 

Je besser diese Unterstützung auch in Nicht-Krisenzeiten verankert ist, desto besser sind die Voraussetzungen dafür, dass auch in einer Situation wie nach dem Erdbeben in Haiti Babys und Kleinkinder gestillt und somit sicher ernährt werden.

Quellen:

  • Gribble, Karleen (2007): Why Infant Formula Causes Deaths Due to Diarrhoea in Emergencies (ENN)
  • IFE Core Group (2007): Infant and Young Children Feeding in emergencies. Operational Guidance for Emergency Relief Staff and Programme Managers v2.1
  • UNICEF, WHO, WFP (2010): Call for support for appropriate infant and young child feeding in Haiti
  • WABA (2009): Breastfeeding – A vital Emergency Response. Are You Ready? Action folder
  • WHO (2004): Guiding Principles for feeding infants and young children during emergencies

Januar 2010